„Groteske Debatte“

Die Diskussion um zwei verkaufsoffene Sonntage pro Stadtteil im Jahr (und nicht um 52 Sonntage, wie uns manche Leserbriefschreiber suggerieren wollen) nimmt langsam immer groteskere Formen an. Dass die Kirchen die biblische Forderung „Du sollst den Sabbat heiligen“ verteidigen, ist noch verständlich. Dass sich beide große Kirchen aber so geschlossen hinter das Verbot verkaufsoffener Sonntage stellen, muss schon verwundern. Haben diese nicht ganz andere Baustellen zu bearbeiten?

Wie wirken sie der zur Zeit wieder grassierenden Austrittswelle entgegen? Warum untersagt man den Sternsingerkindern das Sammeln bei Andersgläubigen? Hier werden schon im Kindesalter trennende Gräben geschaffen, die man an anderer Stelle mühsam zu überwinden versucht. Auch die Aufarbeitung und Verhinderung von Missbrauchsfällen haben einen viel höheren Stellenwert, als in das Konzert für arbeitsfreie Sonntage einzustimmen. Wie sieht es mit der Entlohnung in einigen kirchlichen Einrichtungen aus? Wann wird die Bildung von Betriebsräten in manchen dieser Einrichtungen nicht mehr verhindert? Wer den Wert dieser u. ä. Beispiele hinter dem Verbot von Geschäftsöffnungen an zwei Sonntagen von 13 bis 18 Uhr ansiedelt und glaubt, dass dadurch auch nur ein Mensch mehr in die Kirche käme, der glaubt auch noch, dass die Erde eine Scheibe ist.

Wie scheinheilig manche Schreiber hier argumentieren, zeigt folgendes Beispiel. Da wird der Sonntag zur Erholung und Erbauung gepriesen und z. B. ein Museumsbesuch empfohlen. Doch wer ermöglicht denn diesen Besuch? Sind das keine Menschen, die wie viele tausend andere sonntags ihren Dienst versehen? Wer öffnet denn an Sonntagen die Hallen- und Freibäder? Wer fährt rund um die Uhr Taxi? Wer garantiert denn die ärztliche Versorgung in den Altenheimen und Krankenhäusern? Dass Polizei, Rettungsdienste, Feuerwehren, Apotheken und Pflegedienste an Sonntagen ihren Dienst wahrnehmen, ist für manche Zeitgenossen wohl selbstverständlich. Dieselben Leute gehen mit der größten Selbstverständlichkeit sonntags in ein Restaurant oder holen sich ihre Pizza, sie erwarten natürlich, dass sonntags alle Bahnen, Busse und Flugzeuge verkehren.

Man erwartet ja auch Veranstaltungen in der Siegerlandhalle oder an anderen Orten; wie gerne wird von morgens bis abends Radio oder Fernsehen konsumiert, auch wird sofort das Telefon bemüht, wenn nicht am Montagmorgen in aller Frühe die Zeitung im Briefkasten steckt, in der man sich dann in Form von abstrusen Leserbriefen Luft macht und dabei vergisst, dass auch diese Montagszeitung sonntags von Menschen gemacht wird.

Die Aufzählung der vielen Sonntagstätigkeiten ist sicher nicht vollzählig, zeigt jedoch, wie viele tausend Menschen sonntags tätig sind und deren Dienste wir alle gerne in Anspruch nehmen und gleichzeitig beweist sie, dass die Diskussion über zwei Sonntagnachmittage völlig überflüssig ist. Dass diese Öffnungen von der Bevölkerung gerne genutzt werden, zeigen die vielen tausend Menschen, die an den Tagen die Stadt bevölkern. Es wird durch die Öffnung niemand sonntags am Kirchgang gehindert und ebenso wenig gezwungen, sonntags einzukaufen.

Helmut Plate, Siegen